Nicolas-Antony

Geburtstag

Monday, 27. September 2004

Vorgeschichte

27. September 2008 am Nachmittag kam ein dringender Anruf aus dem Krankenhaus in Msambweni. Man bat mich (Gudrun Dürr) möglichst bald einen vierjährigen Jungen auf der Kinderstation in Augenschein zu nehmen. Eine solche Bitte ist immer auch mit der Frage verbunden, ob das betroffene Kind einen Platz in Nice View finden könnte. Mit Paulah, einer Mitarbeiterin im Kindergarten, fuhr ich sofort los und nach einer Reihe von Formalitäten wurden wir zu Nicolas Bett geführt. Die Krankenschwester öffnete das Moskitonetz und wir sahen einen schlanken Jungen in wenig gutem Zustand: raue Haut, Schnupfen und völlig apathisch. Aber nicht HIV-infiziert, wie uns die Schwester versicherte. Aber mir fuhr ein Stich durchs Herz, als ich in seine blicklosen Augen schaute. Helle Flecken auf der Hornhaut verdecken die Iris seiner Augen und machen ihn blind. Ob vollständig blind, konnten wir vor Ort nicht feststellen, denn Nicolas war nicht ansprechbar und reagierte auch kaum auf Berührungen. Wie so häufig war ich auch diesmal geschockt, wie ein behindertes Kind in Kenia behandelt wird. Vor Wochen wurde Nicolas von seinem Vater völlig abgemagert ins Krankenhaus gebracht, von einem Vater, dem man ansah, dass es ihm nicht an Nahrung mangelt. Die Mutter ist im Krankenhaus unbekannt und auch der Vater war fünf Tage lang nicht mehr am Bett seines Sohnes erschienen. In dieser Zeit hat Nicolas kein Wort mehr gesprochen und saß nahezu regungslos in seinem Bett. Wie immer sagte mir auch diesmal mein Gefühl, dass wir Nicolas in Nice View aufnehmen mussten. Mir war aber auch klar, das ein blinder Junge eine ähnlich umfangreiche Pflege, Aufmerksamkeit und Hilfestellung für seine Entwicklung braucht, wie unsere behinderte Neema. So bat ich die Leiterin der Kinderstation um Verständnis, dass ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Nicolas möglichen Einzug in Nice View vorbereiten musste, was ich noch am selben Abend tat. Alle sahen die Entscheidung ein, die ich im Herzen längst getroffen hatte, auch wenn sie - wie ich - die Schwierigkeiten der Aufgabe sahen, die wir bewältigen mussten. An diesem Abend meldete sich noch das Jugendamt und gab sein Einverständnis für Nicolas Einzug in Nice View. Fünf Tage nicht erscheinen erfüllt bei einem Vater den Tatbestand der Vernachlässigung. So suchten im Lager passende Kleidung für einen vierjährigen Jungen heraus und brachen dann auf, um Nicolas nach Nice View zu holen. Hier wurde er sofort in der Runde der Kinder begrüßt und herzlich aufgenommen. Anna kümmerte sich besonders liebevoll um ihn, besorgte zwei Rasseln und half ihm damit umzugehen. Schnell schüttelte Nicolas die Rasseln auch ohne ihre Hilfe, und erleichtert stellte ich fest, dass Nicolas Apathie zurück ging und er begann seine Umwelt wahrzunehmen. Nun schauen wir mit Sorge, aber auch mit Hoffnung auf einen Tag in der nächsten Woche, an dem ein Mitarbeiter der Augenklinik nach Nice View kommt, um Nicolas zu untersuchen und den Zustand seiner Augen zu bestimmen.

Werdegang

Ein Wunder ist geschehen: Nicolas im November und Dezember 2008

Mitte Oktober  2008 war Nicolas (wir nennen ihn Nico) noch völlig unselbstständig. Er nahm seine Umgebung nur schemenhaft wahr und musste an der Hand geführt werden; seine Schritte waren dabei noch sehr unbeholfen. Er saß teilnahmslos zwischen den anderen Kindern und musste gefüttert werden. Hin und wieder folgte er mit dem Kopf  Bewegungen von Personen in seinem Gesichtsfeld aber er kommunizierte von sich aus mit niemandem.Er war auch nicht in der Lage Bedürfnisse mitzuteilen wie die Notwendigkeit zur Toilette zu gehen, und signalisierte Unwohlsein nicht mit Worten sondern durch Weinen wie ein weitaus kleineres Kind. 

Anfang November begann sich dann ein kleines Wunder abzuzeichnen. All die genannten Defizite begannen sich ins Gegenteil zu verkehren. Nico spricht nur Kisuaheli aber er kann jetzt seine Bedürfnisse verbal ausdrücken. Er isst nun auch selbsständig mit Löffel und Gabel und agiert zwischen den anderen Kindern. So verteidigt er Gegenstände, mit denen er gerade spielt und sogar seine Zahnbürste, wenn sie irrtümlich von einem anderen Kind gegriffen wird. Und er läuft bei all dem völlig sicher durch das Nice View-Gelände.

Nicos Sehvermögen scheint sich also erstaunlich verbessert zu haben und auch das physische Auge sieht nicht mehr so trübe und vernarbt aus wie in den Tagen, als er aus dem Krankenhaus nach Nice View kam. Nicolas ist immer noch sehbehindert und noch nicht in der Lage Buchstaben zu erkennen. Dennoch nimmt er wahr, wenn kleine Gegenstände zu Boden fallen, und hebt sie auf. Auch ist er fähig kleinere aneinander grenzende Farbflächen zu unterscheiden und so bestimmte Muster zu erkennen. Er kann auch Mamas nach ihren Gesichtern unterscheiden und wendet sich der Mama zu, mit der er kommunizieren will.

All diese Veränderungen und Fortschritte sind bei Nico noch im Fluss und es gibt Hoffnung, dass seine Fähigkeiten noch weiter wachsen und er auch Anschluss an die anderen Kinder findet und mit ihnen spielt. Noch ist er in Gruppenaktionen wie z.B. kleinen Tänzen recht unbeholfen und braucht Unterstützung, aber mit Hilfe der älteren Nice View-Mädchen wird er in solche Aktionen integriert und lernt dazu. 

Wie auch die Augenklinik bestätigte ist Nicos Sehbehinderung die Folge einer extremen Mangelernährung, besonders vom Defizit an Vitamin A. Der Vitaminreichen Ernährung, in Nice View, dem Zusammenleben mit anderen Kindern und der Fürsorge der „Mamas" und der anderen Betreuer ist es zu verdanken, dass Nico so enorme Fortschritte gemacht hat.

Im Januar 2009 wird Nico in der Augenklinik turnusmäßig untersucht werden, und dann wird festzustellen sein, ob sich organisch tatsächlich Veränderungen zum Positiven ergeben haben, oder ob Nico lediglich gelernt hat sein geringes Sehpotential durch die intensive Unterstützung in Nice View effektiver zu nutzen. 

Juli 2009: Nico geht bereits seit einigen Monaten voller Freude mit den anderen Kindern in den Kindergarten und spricht bereits sehr gut Englisch. Er hat jetzt eine pfiffige rote Brille, welche, wie man uns erklärt hat wie ein Spiegel wirkt, und die Sehbehinderung (Narben auf der Netzhaut) ausgleicht. Es sieht also zu unserer grossen Freude ganz danach aus, dass er später ganz normal die Schule besuchen kann. Und auch beim Herumtollen oder Fangen spielen - sicherheitshalber ohne Brille - hat man nicht das Gefühl, dass er sonderlich eingeschränkt ist.

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