Antony

Am Freitag, dem 05.12.2008, als ich (Gudrun Dürr) mit der kranken Mwanajuma bei Dr. Mashanga in der Praxis saß, kam ein Anruf vom Jugendamt. Wie meistens ging es auch diesmal um die Anfrage, ob Nice View neue Kinder aufnehmen könne. Da ein anderes Kinderheim in Ukunda gerade zwei schwierige Fälle…

Am Freitag, dem 05.12.2008, als ich (Gudrun Dürr) mit der kranken Mwanajuma bei Dr. Mashanga in der Praxis saß, kam ein Anruf vom Jugendamt. Wie meistens ging es auch diesmal um die Anfrage, ob Nice View neue Kinder aufnehmen könne. Da ein anderes Kinderheim in Ukunda gerade zwei schwierige Fälle vom Jugendamt überstellt bekommen hatte, wandte man sich an uns, obwohl im Jugendamt bekannt ist, dass wir bis zum Umzug nach Nice View 2 - nach der Aufnahme von zehn neuen Kindern in 2008 – „aus allen Nähten platzen“. Aber wir sind flexibel, und es war klar, dass wir Antony und Teresia aufnehmen würden. Ich rief meinen Mitarbeiter Mshila an, der gerade in Ukunda war, und er fuhr zur Polizeistation, wo sich die beiden Kinder derzeit befanden. Mshila erkundigte sich und teilte mir per Telefon die Fakten mit. Eine Sozialarbeiterin der Kirche hatte per Telefon über einen anonymen Anruf von Antony und Teresia erfahren. Die beiden waren von ihrer Mutter bei einer alten Frau ausgesetzt worden, die nicht zur Verwandtschaft gehörte und unfähig war, die Kinder zu versorgen. Die Polizei hatte Antony und Teresia abgeholt und das Jugendamt informiert. Die Mutter der Kinder war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. „Bring die beiden nach Nice View,“ sagte ich Mshila, und nach Erledigung aller Formalitäten waren die beiden Kinder noch am selben Tag bei uns. Obwohl auf der Polizeistation von Zwillingen die Rede war, konnten wir es kaum glauben, wenn wir die beiden Kinder betrachteten. Teresia ist wesentlich kräftiger als ihr Bruder, kann laufen und ist trotz ihrer Unterernährung als zweijähriges Kind erkennbar. Antony ist wesentlich schmächtiger und hat die Statur eines Kindes von acht Monaten; er kann weder stehen noch laufen und macht keine Anstalten zu krabbeln oder sich anderweitig zu bewegen. Im Verhalten ist es gegenläufig. Antony ist wesentlich kommunikativer als seine Schwester, lacht, gibt Laute von sich und imitiert alles, was man ihm vormacht. All dies macht Teresia nicht. Sie schaut eher skeptisch umher und verzieht keine Miene. Auch wenn wir nicht genau wissen, wie es im Haus der Mutter zuging, ist klar, das die Kinder im starken Maße vernachlässigt wurden und der Mutter schließlich im Wege waren. An den folgenden Tagen fahndete die Polizei nach der Mutter und war erfolgreich. Es handelt sich um eine geschiedene Frau, die nun als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdient. Die Frau wurde verhaftet und in der Polizeistation in Untersuchungshaft gehalten. Am Montag, dem 08. Dezember besuchten wir die Mutter in der U-Haft. Ihre Erzählungen wie es zum Aussetzen der Kinder kam, waren unglaubwürdig. Sie muss nun mit einer Anklage, einem Verfahren und einer Gefängnisstrafe rechnen. Sie gab uns die Telefonnummer ihres geschiedenen Mannes, der die Kinder nach der Scheidung allerdings nur sporadisch gesehen hatte. Er erklärte Antonys Zustand mit vielen Krankheiten, die der Junge gehabt habe. Der Vater ist zurzeit arbeitslos und auch seine Wohn- und Familienverhältnisse erlauben es ihm nicht, Antony und Teresia zu versorgen. Er bat aber darum, die Kinder von Zeit zu Zeit sehen zu können. Er machte dies am folgenden Tag wahr, kam nach Nice View und verbrachte eine Stunde mit seinen Kindern in der neuen Umgebung. Wir selbst sind zuversichtlich, dass Antony und Teresia sich in Nice View schnell einleben und ihre körperlichen sowie die Verhaltensdefizite rasch verlieren werden – so wie es bei all den anderen unserer Kinder in der Vergangenheit geschehen ist.

Juni 2009: Antony ist ein fröhliches und unkompliziertes Kind. Allerdings fängt er erst jetzt so langsam an selbständig zu stehen und erste Schritte zu machen. Auch spricht er kaum. Wir hoffen, dass er sich weiter positiv entwickelt, rechnen aber damit, dass Antony eventuell leicht behindert ist.

November 2010: Antony geht seit kurzem in den Kindergarten und entwickelt sich seither deutlich besser. Er spricht nun und auch seine Koordinationsfähigkeit hat sich verbessert. Allerdings ist er manchmal noch etwas überfordert und kann z.B. nicht verstehen warum er nicht ständig Süßigkeiten oder Luftballons bekommen kann.

April 2012: Antonys körperliche Entwicklung lässt leider noch immer etwas zu wünschen übrig, und er hat im Kindergarten Schwierigkeiten bei körperlichen Aktivitäten mitzuhalten. U. a. deshalb ist er noch nicht in der Vorschule (Reception Class). Er ist etwas ängstlich, sehr anhänglich und spricht zwischenzeitlich viel und recht gut. Auch wenn manchmal die Aussprache noch nicht so ganz stimmt.

Oktober 2013: Antony hinkt seiner Zwillingsschwester Teresia und den andern Kindern immer noch etwas hinterher und geht daher noch in den Kindergarten. Er  spricht gut Englisch und kann sich gut ausdrücken. Aber er liebt es auch anderen eine Falle zu stellen und freut sich diebisch, wenn es klappt.

Januar 2016: Antony gehört leider zu unseren Sorgenkindern. Er konnte bisher, aufgrund einer Lernbehinderung, noch nicht eingeschult werden und wir sind hier dringend auf der Suche nach einem Förderlehrer / einer Förderlehrerin. Anthony ist trotz seiner Lernbehinderung und einer leichten körperlichen Behinderung ein fröhliches und aktives Kind und spielt gerne Fußball.

November 2019: Antony hat es zu seiner großen Freude inzwischen bis in die 3. Klasse geschafft. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass sich in absehbarer Zeit die Möglichkeit bietet, Antony noch mehr entsprechend seiner Bedürfnisse zu fördern. Nicht einfach in Kenia! Hin und wieder verbringen er und seine Zwillingsschwester Teresia ein paar Tage mit ihrer Tante und ihrem Onkel, die in Deutschland leben und sie regelmäßig besuchen.