Regina

Am Abend des 5.Februar 2013 kam unangemeldet ein Beamter des Jugendamtes nach Nice View. Bei sich hatte er ein 13-jähriges Mädchen. Dieses Kind sollte vor einer Zwangsverheiratung bewahrt werden. Auf dramatische Art und Weise hatte das Jugendamt es an diesem Nachmittag dem Zugriff des Vaters entzogen.

Am Abend des 5.Februar 2013 kam unangemeldet ein Beamter des Jugendamtes nach Nice View. Bei sich hatte er ein 13-jähriges Mädchen. Dieses Kind sollte vor einer Zwangsverheiratung bewahrt werden. Auf dramatische Art und Weise hatte das Jugendamt es an diesem Nachmittag dem Zugriff des Vaters entzogen.  Regina hatte ein Hilfegesuch an ihren Schulleiter gerichtet, worauf dieser das Jugendamt informierte. Da zu befürchten war, dass der Vater auch mittels Gewalt seine Tochter zurückhalten würde, bestand die einzige Möglichkeit darin, sie direkt aus der Schule wegzuholen.

Ohne Zögern haben wir Regina sofort in Nice View aufgenommen.  

Regina erzählt:
Ich komme aus dem Dorf Magojoni und ging dort auf die Naserian Primary School. Ich lebte mit meiner Familie vom Stamm der Masai. Mein Vater hat drei Ehefrauen, die erste Ehefrau ist meine Mutter. Ich habe 4 Schwestern und 4 Brüder. Zwei meiner Schwestern sind jünger als ich, von den Älteren ist eine verheiratet und eine besucht die weiterführende Schule. Die zweite Ehefrau meines Vaters hat 7 Kinder, die Dritte 6 Kinder. Meine Mutter sagte mir, dass mein Vater mich an einen Mann verheiraten wolle. Dafür sollte er 10 Kühe und einen Geldbetrag erhalten. Aber ich bin noch jung, 13 Jahre alt und will noch lernen. Ich möchte nicht heiraten. Ich kenne den Mann nicht, an den mein Vater mich geben wollte und ich weiß nicht einmal, wie alt er ist.  Ich will so lange wie möglich in die Schule gehen und lernen. Meine Mutter wollte mich nicht verheiraten. Sie erzählte mir von den Plänen meines Vaters. Sie und meine Tante rieten mir, an meine Lehrer einen Brief zu schreiben, dass die mir helfen. Ich schrieb an meinen Klassenlehrer und an meinen Schulleiter, dass mein Vater mich gegen meinen Willen verheiraten will und ob sie mir helfen können, weil ich doch weiter lernen will. Es kamen dann Leute in die Schule und sprachen mit mir. Ich ging zum Mittagessen in der Schule und danach waren sie immer noch da. Sie sagten, dass sie mir helfen würden und nahmen mich in ihrem Auto mit. Sie brachten mich hierher nach Nice-View. Mir gefällt es gut in Nice-View. Ich bin glücklich und sehr dankbar für alles, was mir hier gegeben wird. Ich darf wieder zur Schule gehen. Ich möchte lernen, bis ich die Schule beende. Dann möchte ich studieren und Ärztin werden. Zu meinen Eltern gehe ich erst dann wieder zurück. Sie können hierher kommen, wenn sie mich sehen wollen. Ich bin auch dankbar für das Essen, welches mir hier gegeben wird, deshalb esse ich alles.

Februar 2013: Regina ist ein sehr fleißiges, hilfsbereites und freundliches Mädchen, das sich sofort gut in die Nice- View –Familie integriert hat. Insgesamt ist sie noch etwas zurückhaltend. Sie besucht nun unsere fünfte Klasse und kommt gut mit den anderen Kindern aus. Auf die Frage, ob sie schon Freunde gefunden hat, nennt sie sofort Mwanajuma. Einzig unsere Naomi fürchtet sich noch panisch vor Regina, was uns absolut unerklärlich ist. Vielleicht erschrecken sie die Brandmale in Reginas Gesicht?

Oktober 2013: Regina ist ein fröhliches Mädchen, das sich gut eingefügt und angepasst hat. Sie ist immer positiv, hat eine gute Einstellung und besucht die 7. Klasse.

Januar 2016: Regina besucht zwischenzeitlich gemeinsam mit Mickey, Sarah, Mary und Juma die 7. Klasse. Sie ist eine eher mittelmäßige Schülerin, hat jedoch ihre Leistungen verbessert und könnte laut ihres Klassenlehrers eine gute Schülerin sein. Regina ist ein freundliches, aufgeschlossenes und hilfsbereites Mädchen welches gerne singt und bereits gut Schlagzeug und Gitarre spielt.

Ende 2015 musste sie jedoch einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Ihre Mutter war völlig überraschend gestorben und sie durfte nach Rücksprache mit dem Jugendamt und in Begleitung an der Beerdigung teilnehmen. Dort traf sie dann auch auf ihren Stiefvater, einen Massai. Denn wie sie uns zwischenzeitlich erzählt hat, ist sie keine Massai. Ihre Mutter war halb Luo und halb Somali. Von ihrem leiblichen Vater ist nichts bekannt.

November 2018: Regina hat Ende letzten Jahres die Primärschule abgeschlossen und macht seit Anfang 2018 eine Ausbildung im Kosmetik- und Friseurbereich. Sie besucht ein christliches Berufsbildungszentrum in Ukunda, wohnt jedoch nach wie vor im Kinderdorf und fährt jeden Tag nach Ukunda.