2009 Mai: Frauke Schlüter schildert Ihre Eindrücke von Nice-View .....

Regenzeit in Kenia. Die Schotterpisten hatten sich in eine Kraterlandschaft aus tiefen Pfützen und spitzen Felsen verwandelt. Das Taxi, das mich von meinem Hotel Bamburi Beach an der Nordküste in das Kinderdorf im Süden Kenias bringen sollte, kurvte sicher um alle Hindernisse der Straße herum.

Regenzeit in Kenia. Die Schotterpisten hatten sich in eine Kraterlandschaft aus tiefen Pfützen und spitzen Felsen verwandelt. Das Taxi, das mich von meinem Hotel Bamburi Beach an der Nordküste in das Kinderdorf im Süden Kenias bringen sollte, kurvte sicher um alle Hindernisse der Straße herum. Mit der Lakoni-Fähre ging es weiter in Richtung Südküste. Das kleine Dorf Msambweni direkt am Indischen Ozean, in dem das Kinderdorf Nice View liegt,  machte einen trostlosen Eindruck – erst recht bei strömenden Regen. Überall Wellblech- oder Lehmhütten, nur vereinzelt ein halb fertig gestelltes einfaches Steinhaus – dazwischen spielende Kinder, kleine Marktstände mit Papayas oder Mangos und natürlich ein Berg aus Schlamm und Dreck. Je näher wir unserem Ziel kamen, umso aufgeregter wurde ich. Was würde mich in Nice View erwarten? Die Taxifahrerin musste ab und zu anhalten und nach dem Weg fragen. Hier schien jeder das Kinderdorf zu kennen.

Ganz am Ende dieses armseligen Dorfes erwartete mich eine Überraschung. Ein riesiges Eisentor führte ins Nice View Children`s Village, das seinem Namen „Schöne Aussicht“ mit weitem Blick über den Ozean alle Ehre macht.

Hinter dem Tor verbarg sich ein Paradies für Kinder – das sah ich auf den ersten Blick. Gepflegte Steinhäuser im kenianischen, offenen Stil, geharkte Kieswege, üppige Vegetation. Gleich rechts hinter dem Tor befindet sich das Wohnhaus von Gudrun Dürr, gegenüber das Kinderhaus für die kleineren Kinder, in dem zurzeit das jüngste Kind vier Monate alt ist. Ein gepflegter Kiesweg, umrahmt von Palmen, führt durch das großzügig angelegte Grundstück. In der Mitte befindet sich eine offene Küche, in der die Mahlzeiten gekocht werden. Dabei wird sehr auf gesunde Ernährung geachtet. Die Küche ist auch eine Ausbildungsstätte für junge Menschen aus dem Dorf, die gern Koch werden möchten.

Gleich hinter der Küche gibt es einen ebenfalls offen gehaltenen „Wohnraum“ mit einem herrlichen Blick auf den Ozean. Hier werden die vielen Gäste, die Nice View sehen wollen, bewirtet. Weiter geht es an einer Werkstatt, der Wohnung des Verwalters vorbei bis zur Auto Werkstatt. Auch hier werden Jugendliche ausgebildet. Sie werden Mechaniker und reparieren eifrig Fahrräder und Land Rover. Ganz am Ende befindet sich das schöne Gästehaus mit drei Gästezimmern – alle im kenianischen Stil eingerichtet – ein Bett mit Moskitonetz. Die Fenster haben anstatt der Glasscheiben Insektengitter. So weht Tag und Nacht ein frischer Wind durch das Zimmer. Hier würde ich mich bestimmt wohl fühlen.

Während ich auf Gudrun wartete, die Formalitäten beim Jugendamt zu erledigen hatte, führte mich der Verwalter, der seit der Gründung des Kinderdorfes in Nice View arbeitet, über das Gelände. Lange verweilte ich bei den kleinen Waisen im Kinderhaus. Warme, schwarze Arme flogen mir entgegen, Beine krabbelten auf meinen Schoss. Ich spielte mit Carolin, Teresia und Antoni. Antoni und Teresia sind Zwillinge und noch nicht sehr lange in Nice View. Auch das Baby Michelle (nach Michelle Obama natürlich) ist erst seit kurzem hier. Seine Mutter hatte es im Krankenhaus unter falschem Namen geboren und sich anschließend aus dem Stab gemacht. Sofort hatte ich die Kleinen in mein Herz geschlossen. Liebevoll kümmern sich die Mamas um ihre Schützlinge, alle im blauen Kleid mit Schürze. Neema, ein vierjähriges, behindertes Kind, braucht besondere Zuwendung. Sie kann sich kaum bewegen und nicht sprechen. Sie wird wahrscheinlich für immer in Nice View bleiben.

Auf einer kleinen Veranda bereiteten die „Mamis“ gerade den Brei für die kleinsten Bewohner des Kinderdorfes vor. Vor dem Kinderhaus ein Spielplatz, dahinter eine Mauer, dahinter der Indische Ozean in der Ferne. Welch eine Idylle für die Waisenkinder! Das Kinderhaus für die kleinsten Bewohner war eines der ersten Häuser, die in Nice View gebaut wurden. Gudrun Dürr plant, es bald babygerecht umzubauen.

Der Verwalter und ich fuhren mit dem Jeep zur zweiten Anlage von Nice View. Wir durchquerten Msambweni, vorbei an winkenden Kindern, einem Handy-Shop in einem verfallenen Haus, Schlammbergen, durchnässten Frauen mit Lasten auf dem Kopf, vorbei an schlammigen Wegen mit riesigen Pfützen – dann waren wir da. Ebenso wie Nice View 1 präsentierte sich mir Nice View 2 als eine sehr gepflegte, gut geführte Anlage. In dem einen Haus befindet sich die kleine Schule, die von Schulrektor Boni geleitet wird. Hier erhalten die Kinder eine fundierte Schulausbildung – ganz im Gegensatz zur staatlichen kenianischen Schule, in der, so der Schulleiter, nur streng auf die Examen hin gelernt wird, ansonsten aber alles andere auf der Strecke bleibt. Nicht so in Nice View: der Unterricht richtet sich nach den Vorgaben der internationalen Schulen. Hier kommen auch Musik, Naturwissenschaften und Kunst nicht zu kurz.

Die Klassenräume sind hell und freundlich eingerichtet, ebenso die Räumlichkeiten für die Vorschulkinder. Sogar einen Computerraum gibt es. Hier, so Boni, wird auch mal gechattet und gemailt – genau wie in Europa. Es war gerade Schulschluss, und der Rektor verabschiedet seine Schützlinge alle persönlich. Einige Kinder aus dem Dorf besuchen ebenfalls die Schule. Auch diese wurden mit kleinen Ratschlägen und netten Worten nach Hause entlassen. Eine sehr persönliche, vertrauliche Atmosphäre. Boni kennt sie alle beim Vornamen und weiß sogar alle Geburtsdaten. Gleich nebenan befindet sich ein großer Spielplatz zum Herumtollen.

Soeben  fertig gestellt wurde das zweite große Wohngebäude von Nice View für die Schulkinder. Ich war sehr beeindruckt von der Konstruktion des Hauses. Gudruns Mann Edmund hat das Haus selbst entworfen. Landestypische große Steinplatten auf dem Boden, ein hohes Dach, viele gemütliche Zimmer für die Waisenkinder und eine rustikale Einrichtung aus Holz – gefertigt in der hauseigenen Lern-Schreinerei.

Hier konnte ich nun endlich auch mein Patenkind Sarah begrüßen. Obwohl sie mich nur von Fotos kannte, streckte sie mir gleich beide Arme entgegen und hüpfte auf meinen Schoß. Ich war als Weiße eine echte Attraktion bei den Kindern. Alle umringten mich, begrüßten mich, erzählten und sagten ihre Namen. Eine glückliche große Familie, dachte ich. Gleich auf den ersten Blick erkannte ich, dass sich die Kinder hier wohl fühlen und ein neues Zuhause inmitten der anderen Kinder gefunden haben. Was für ein Glück!

Die älteren Kinder helfen ganz selbstverständlich  den Jüngeren. Die Mamas kümmern sich um das Essen, die Hausaufgabenhilfe und die Wäsche. Gegessen wird gemeinsam im Speiseraum der Schule. Ich versprach Sarah, am nächsten Tag ein Geschenk für sie mitzubringen. Ich verabschiedete mich von allen und fuhr mit dem Verwalter zurück zu Nice View 1, wo ich mit Gudrun Dürr in dem offenen Wohnzimmer (Banda) an einem riesigen Holztisch Abendbrot aß. Serviert wurde uns von fleißigen Helfern aus der Küche.

Gudrun erzählte mir ausführlich von ihrem Leben in Kenia, von all den Hindernissen, mit denen sie von Anfang an kämpfen musste. Edmund und Gudrun Dürr kauften das Grundstück, und Gudrun wohnte zuerst auf dem verwilderten Terrain allein mit zwei ihrer Kinder in einem Zelt ohne Strom und Wasser. „Am schlimmsten waren die Vogelspinnen“, erinnert sie sich. Schnell jedoch fand sie Helfer aus der Umgebung, die beim Aufbau des Dorfes mit anpackten. Nach und nach entstand ein Gebäude nach dem anderen, der Verein Schwarz-weiß wurde gegründet, es kamen Spenden aus Deutschland, so dass Gudrun schon bald die ersten Waisenkinder aufnehmen konnte. Gudrun musste zudem Englisch lernen – heute unterhält sie sich ganz selbstverständlich  mit allen Angestellten aus dem Dorf. Der Akzent ist für Außenstehende ein wenig gewöhnungsbedürftig. Eine Mischung aus Englisch, Kisuaheli und Schwäbisch, die sich einfach  unwiderstehlich anhört.

Marcel kümmerte sich um die Organisation, Patenwerbung und Verwaltung in Deutschland, Gudrun & Edmund kämpften in Kenia mit den Behörden und Jugendämtern. Heute kooperiert sie mit letzteren und bekommt immer wieder neue Schützlinge zugewiesen. Eigentlich seien sie oftmals schon voll belegt, aber wer könne bei einem Hilferuf schon „nein“ sagen, meint Gudrun.

So war es auch bei den Zwillingen Antoni und Teresia und dem Baby Michelle. Gudrun setzt sich dann gleich in ihren Jeep, um das Kind abzuholen und alle Formalitäten zu klären. Der Kampf mit den Behörden sei schwierig, gibt sie zu, aber sie habe inzwischen Routine bekommen. Und die Ämter seien ja auch froh, eine so gute Unterkunft für alle die vernachlässigten Kinder vor der Tür zu haben.

Manchmal frage sie sich selbst, wie sie das alles geschafft habe. Da war, so Gudrun, wohl der Traum und der eiserne Wille und vor allem aber der Glaube, die sie stark für diese Aufgabe gemacht hätten. Ihr jüngster Sohn Pascal sei ein waschechter Kenianer und Naturfreund geworden, so Gudrun schmunzelnd. Er hält sich ein Buschbaby als Haustier, verbringt am Wochenende viel Zeit auf der Farm von Nice View und sieht alle Kinderheim-Bewohner als seine Geschwister an. Er versteht zwar Deutsch, spricht es aber nur gebrochen. Ein waschechter Kenianer eben. Das einzige, was ihn von seinen Brüdern und Schwestern unterscheidet, sind seine blonden Haare und seine weiße Haut. Gemütlich plauderten Gudrun und ich über Nice View, über Kenia und die weiteren Pläne für Nice View.

Denn Pläne hat Gudrun noch viele. Zum Beispiel eine Krankenstation für Msambweni. Den Kontakt zum Dorf-Arzt hat sie schon hergestellt. Das Haus ist auch schon vorhanden. Ich bin sicher, dass auch dieses Projekt gelingen wird. Ein zweites Wohnhaus für die Jungen ist bereits im Bau. Fleißige Helfer waren bei meinem Besuch gerade dabei, die Wände innen zu verputzen. Das Haus steht ebenfalls auf dem Gelände von Nice View 2.

„Good night, Mama Gudrun“, verabschiedeten sich die Kinder und später auch die kenianischen Angestellten von Gudrun. Hier heißt die sympathische Frau bei allen einfach nur „Mama Gudrun“. Während wir redeten, meldete sich schließlich zum Abschluss der Nachtwächter (Askari), die Hunde wurden frei gelassen, so dass alle Bewohner des Kinderdorfes beruhigt schlafen gehen konnten.  

Früh am nächsten Morgen trat ich auf die Terrasse des Gästehauses und beobachtete, wie Nice View langsam erwachte. Die Mechaniker erschienen und begannen mit den Reparaturen, in der Küche wurde das Frühstück zubereitet, die ersten Kinder verließen mit dem Fahrrad das Gelände, um zur Schule zu fahren. Die Mamas wickelten und fütterten die Kleinkinder. Der Verwalter schaute überall nach dem Rechten. Hier schien mir alles nach einem genauen Plan zu laufen. Anders ginge es auch gar nicht, sagt Gudrun. Jeder habe hier seine feste Aufgabe und man müsse schon aufpassen, dass jeder pünktlich zu seinem Dienst erscheine. Eine große Aufgabe für Gudrun, an die sich alle mit jeder Kleinigkeit wenden.

Gudrun musste auch schon einmal eine Mama entlassen, weil sie im Team der Mamas integriert hatte. Wenn ein Mitarbeiter mehrmals nicht zur Arbeit erscheint, zum Beispiel zum Toiletten-Putzen, muss sie ihn entlassen. Anders ginge es nicht. Hier in Kenia müsse man andauernd putzen, sonst würde der Staub binnen kurzer Zeit Überhand nehmen, weiß sie aus langjähriger Erfahrung. Viele Dorfbewohner bewerben sich um einen Job, vielen hat sie schon eine Chance gegeben, trotz fehlender Schulausbildung, vielen die Möglichkeit zu einer Ausbildung geschaffen.

Einige ihrer Schützlinge betreute sie selbst in ihrem Haus – wie zurzeit über Nacht die kleine Michelle. Alle zwei Stunden wacht sie nachts auf und hat Hunger. Das scheint Gudrun jedoch zusätzlich zu all der Verantwortung und Arbeit nicht viel aus zumachen. Oftmals sitze sie, erzählt sie, bis spät in die Nacht und arbeite, bearbeite E-Mails und erledige Papierkram. Auch Joshua lebte einige Zeit bei Gudrun und überraschte mich mit so manchem perfekten deutschen Satz. Für ihn ist Gudrun seine Mama geworden.

An diesem zweiten Morgen fuhr ich mit dem Verwalter auf die Farm von Nice View, die idyllisch an einem See gelegen ist. Hier verbringen die Kinder von Nice View oft das Wochenende oder einige Ferientage. Hier wird heimisches Obst und Gemüse angebaut: Bananen, Cassava, Auberginen, Mangos, Wurzeln – alles für den Eigenbedarf. Die Pflanzung von Bäumen zur Möbelproduktion ist auch ein neues, ehrgeiziges Projekt. Zarte Bäume wachsen in Reih und Glied. Hier wird hart gearbeitet. Die Farmer lassen sich auch von dem andauernden Nieselregen nicht von Pflanzen und Ernten abhalten. Auch eine typisch kenianische, magere Kuh und ein Esel haben auf der Farm eine Heimat gefunden. Der Verwalter fuhr anschließend auf ein zweites Terrain, um dort die Arbeiten zu kontrollieren. Hier soll ein weiteres Anbaugebiet entstehen. Er lud weiße Feldsteine, die für Nice View bestimmt waren, auf den Anhänger. Trotz der schweren Last schaffte es der Land Rover sicher durch den Schlamm. Ab und zu spritze mal Regen oder Erde in die nicht vorhandene Wagentür.

Mit zu Nice View gehört auch eine Ausbildungsstätte, in der solide Möbel nicht nur für den Eigenbedarf hergestellt werden. Ich besuchte diese Schreinerei am Nachmittag mit Gudrun. Der Strom war gerade ausgefallen, so dass die jungen Tischler mit der Hand hobelten und sägten. Hier entstehen Tische, Stühle, Schränke nicht nur für Nice View, sondern auch für andere Privathaushalte reicherer Kenianer oder Europäer. Mit Hilfe zur Selbsthilfe soll sich diese Werkstatt und Ausbildungsstätte einmal selber tragen.

Zurück ging es zu Nice View 2. Sicher steuerte Gudrun den Jeep durch die schlammigen Pfützen. Vor uns eine Herde Kühe im Regen. Gudrun fuhr langsam weiter, so dass die Herde gemächlich zur Seite schritt. Allein die Küstenstraße nach Lungalunga in Tansania ist geteert, alle anderen Wege bestehen aus zerklüfteter roter Erde. Nur die kleine Abzweigung zum Kinderdorf wurde von den Kinderdorf-Mitarbeitern geebnet. Am Wegesrand begrüßten uns fast alle Dorfbewohner mit einem freudigen Winken. Alle kennen hier Gudrun und die Kinder.

Überall wurde ich ganz besonders freundlich begrüßt. Die Kenianer sind sehr kontaktfreudig und mitteilsam, haben immer ein hinreißendes  Lächeln für Fremde auf den Lippen. Die Herzlichkeit hat mich sehr berührt.

Auch die Freude der Kinder, als ich nochmals Sarah und ihre Freunde in Nice View 2 besuchte. Sarah freute sich sehr über ihre Puppe und brachte sie sogleich in ihrem Bett in Sicherheit. Zu Hause in Lübeck hatte ich über eine Stunde vor dem Puppen-Regal gestanden und wusste nicht so recht, ob ich die Puppe mit der schwarzen Haut oder die mit den blonden Locken nehmen sollte. Schließlich entschied ich mich für die mit den blonden, langen Haaren.

Für die anderen hatte ich Bonbons und Luftballons mitgebracht und löste damit einen wahren Freudentaumel aus. Ausgelassen tanzten die Kinder durch den Raum, wurden erst durch den Aufruf zum Abendessen unterbrochen. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, dass die Kinder so aufgedreht durch meinen Besuch wurden. Aber die Mamas nahmen es gelassen und tanzten mit. Beim Abendessen saß die große Kinder- und Betreuerfamilie einträchtig im offenen Speisesaal zusammen. Ein friedliches Bild in einem Land, das noch immer ein Entwicklungsland ist und in dem die Menschen hart ums Überleben kämpfen müssen.

Hier in Nice View haben die Waisenkinder eine friedvolle und heimelige Oase inmitten dem harten kenianischen Leben gefunden und werden durch liebevolle Betreuung und fundierte Schul- und Ausbildung auf das Leben nach Nice View vorbereitet. Zum Beispiel der 21-jährige Suleiman, der in der Küche des Kinderdorfes eine Ausbildung zum Koch macht. „Ich bin schon sehr lange hier“, verriet er mir. Er sei sehr gern in Nice View. „Das ist meine große Familie“, so Suleiman.

In dieser Idylle machte es keinem etwas aus, dass der Strom gerade ausgefallen war und man bei Petroleumlampenschein essen musste. Das bringt diese große kenianische Familie nun wirklich nicht aus der Ruhe. Solche kleinen Zwischenfälle ist man hier gewohnt. Plötzlich sprang der hauseigene Generator wieder an.

Auch den zweiten Abend verbrachte ich wieder mit Gudrun im „Wohnzimmer“. Draußen war es dunkel, innen der Raum hell beleuchtet, so dass wir von Insekten attackiert wurden. Malaria sei ein großes Problem hier, so Gudrun, sie selbst hätte schon oft Malaria gehabt. Ich hatte ja meine Malaria-Prophylaxe, die Bewohner von Nice View aber nicht. Sie können ja nicht täglich und ihr ganzes Leben lang Malaria-Tabletten schlucken. Falls jemand krank wird, ist Dr. Godfrey Mashanga ja nicht weit. Mit ihm möchten die Dürrs ihr Krankenstation-Projekt verwirklichen.

Am nächsten Morgen hieß es für mich Abschied nehmen. Ich wartete vergeblich auf meine Taxi-Fahrerin. Sie hatte, wie sich später herausstellte, eine Reifenpanne. So nutzte ich die Zeit, um noch ein letztes Mal mit Antoni, Teresia, Michelle und Carolin zu spielen. Der Abschied fiel mir sehr schwer. Ich musste Gudrun als Dankeschön noch schnell umarmen. Sie stieg gerade in einen Jeep, um mit ihrem angehenden Sozialarbeiter zum Amt nach Kwale zu fahren.

Ein letzter Blick auf Nice View, dann schloss sich das Tor hinter mir und dem Taxifahrer Kevin, der mich schließlich sicher durch heftigen Regen und an wie wild fahrenden Matatus vorbei zurück nach Bamburi Beach brachte.

Mein monatlicher Patenbeitrag für Sarah ist natürlich nur ein kleiner Obolus. Doch viele Paten schaffen es, dass Nice View weiter bestehen und noch wachsen kann.

Ich kehrte zu meiner Gruppe zurück, die derweil eine Safari gemacht hatte und noch ganz voll von den Eindrücken war. Auch ich hatte so viel zu berichten. Da ich bereits zum zweiten Mal in Kenia war, hatte ich die Zeit lieber für einen Besuch bei Sarah genutzt.

Die Gruppe, mit der ich das zweite Mal unterwegs in Kenia war, wird von Pastor Tony Esch geleitet, der seit über 30 Jahren zahlreiche kenianische Gemeinden mit seinem Verein Missionshilfe e.V. unterstützt. Durch die vielen Ausflüge zu den Gemeinden und ins Landesinnere hatte ich beim ersten Besuch schon einen kleinen Einblick in das Leben in Kenia nehmen können. Diese erste Reise hinterließ bei mir einen so bleibenden Eindruck, dass ich mich zu Hause sofort dazu entschloss, mit einer Patenschaft wenigstens einen kleinen Beitrag zur Linderung der Not in Kenia zu leisten. So stieß ich im Internet auf das Projekt Schwarz-Weiß e.V. und wusste: das ist es. Hier kommt meine Spende sicher an und hilft Waisenkindern, in liebevoller Atmosphäre aufzuwachsen.

Danke, liebe Gudrun, dass du mit deinem unermüdlichen Einsatz, deinem Glauben und deinem starken Willen all dies ins Leben gerufen hast. Ich wünsche dir und Nice View alles Gute und Gottes Segen und hoffe, dass ich einmal wiederkommen kann.  

Frauke Schlüter