2007: Heike Dreher im Nice-View-Children´s-Village

Meine liebe Karin, ich bin Dir noch heute sehr dankbar, dass Du mich bereits 1998 auf das Projekt Schwarz & Weiß aufmerksam gemacht hast. So konnte ich alles mehr oder weniger von Anfang an verfolgen.

Meine liebe Karin, ich bin Dir noch heute sehr dankbar, dass Du mich bereits 1998 auf das Projekt Schwarz & Weiß aufmerksam gemacht hast. So konnte ich alles mehr oder weniger von Anfang an verfolgen.

Zuerst habe ich gespendet, danach dann eine Patenschaft übernommen, und im März 2003 saß ich dann, nachdem Gudrun mich mehrmals eingeladen hatte, meine eigene Courage verwünschend, im Flugzeug nach Kenia. Auf was für ein Abenteuer hatte ich mich da bloß wieder eingelassen?

Am Flughafen wurde ich dann, wie versprochen, von Edi abgeholt. Zuerst ging's durchs chaotische Mombasa zu einem Supermarkt. Günstig Einkaufen für die Großfamilie. Nach dem Übersetzen mit der Fähre aufs Festland (Mombasa liegt auf einer Insel), ein Erlebnis für sich, fuhren wir dann durch die Slums außerhalb von Mombasa. Nachdem wir diese hinter uns gelassen hatte, wurde die Umgebung so langsam schöner. Nach Zwischenstop im lebhaften Ukunda (Baumarkt, Bank und Markt, man muss ja jede Autofahrt nutzen) fuhren wir durch malerische Landschaft, und ich hatte das Gefühl im Paradies angekommen zu sein.

Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis ich feststellen musste, dass Kenia von einem Paradies weit entfernt ist! Nach den Eindrücken die ich von Mombasa und Ukunda gewonnen hatte (laut, chaotisch, schmutzig und stinkend), war ich sehr erstaunt wie sauber und gepflegt das Dorf Msambweni im Verhältnis ist. Und als ich dann im Kinderdorf angekommen war, war ich nur noch beeindruckt. Gepflegte Anlage, wunderschöne Lage mit überwältigendem Blick aufs Meer. Von Gudruns Familie, die zufällig gerade alle da waren, wurde ich sofort herzlich aufgenommen. Und als die Kinder mich dann nach ein paar Tagen beim Gutenachtsagen umarmt haben, hatte ich das Gefühl auch ein bisschen dazuzugehören.

Da Gudruns Haus gerade im Umbau war, mussten wir (Gudruns Familie, Freunde der Familie, die Kinder und Mitarbeiter) uns eine Toilette und Dusche teilen. Erstaunlich was nicht alles möglich ist. Ein Jahr später hatten die Kinder dann, getrennt nach Jungen und Mädchen, ihre eigene Toilette und Dusche. Und die Toilette und Dusche die wir damals benutzt haben ist jetzt für die Mitarbeiter. Was ich sicherlich auch nie vergessen werde, sind meine ersten Linsen und Spätzle in Kenia. Ich hatte keine Ahnung, was mich in bezug auf Essen erwartet. Aber mit Linsen und Spätzle hätte ich nicht gerechnet. Gibt's jetzt, da ich es so gerne esse, meist als Willkommensessen. Auch erweitert sich das Repertoire der Küche Jahr für Jahr, und der Küchenchef (Shedrack) freut sich wenn er einen verwöhnen kann. Und das gelingt ihm immer! Es gibt deutsche, typisch schwäbische, italienische, kenianische oder indische Gerichte, und auch ich freue mich, wenn ich dem Küchenchef etwas Neues zeigen kann. Dieses Jahr haben wir indonesisch gekocht. Denn ja, mein erster Aufenthalt war nicht mein letzter.

Zwischen 2003 und 2007 war ich mehrmals in Nice View und danke Gudrun von Herzen für ihre Freundschaft, ihr Vertrauen und die schöne Zeit die ich jedes Mal mit der Nice View Familie verbringen durfte. Ich hatte so die Möglichkeit die Entwicklung der Kinder und des Kinderdorfes vor Ort mitzuverfolgen. Und es freut mich immer wieder, wenn ich Neuankömmlinge begrüßen kann und sehe, wie positiv sich die Kinder, die ich bereits kenne, entwickelt haben. Die Grossen, erst ziemlich schüchtern, werden immer selbstbewusster. Und die Kleinen machen sich einfach toll, und ich bin immer einfach nur glücklich wenn Amaton, Sarah oder Betty mich nach längerer Abwesenheit erkennen und auf mich zurennen. Jolene, erst ein apathisches Baby und Kleinkind, ist zwischenzeitlich ein quietschvergnügtes Kind. Oder Samuel, der vor einem Jahr noch keine Ahnung hatte wozu Beine da sind, springt nun fröhlich durch die Gegend. Und auch von Neema gibt's nun ja gute Neuigkeiten. Ich war damals dabei als Gudrun sie abgeholt hat und fühle mich auch ein wenig für sie verantwortlich. Auch denke ich immer wieder mit viel Freude an unsere gemeinsamen Ausflüge zurück. In all den Jahren sind mir die Kinder sehr ans Herz gewachsen, und es tut mir immer in der Seele weh, wenn ich mitbekommen, dass sie schlecht behandelt werden.

Von den Mitarbeitern die ich im Jahre 2003 kennen gelernt habe, sind nur noch 6 da, und ich habe in den letzten Jahren viele kommen und gehen sehen. Gehen, da sie entweder die kenianischen "Erziehungsmethoden" angewandt haben (schlagen und zwicken), oder weil sie gestohlen haben. Auch bin ich immer wieder verblüfft darüber wie leichtfertig vor allem Kenianerinnen ihren Arbeitsplatz aufs Spiel setzen und wie faul sie sind. Und manche sind sogar davon überzeugt, dass man, wenn man sich dumm stellt, nicht so schwer arbeiten muss! Anstelle die sich ihnen bietende Chance etwas aus ihrem Leben zu machen zu nutzen! Viele haben ja kaum eine Schulbildung, ganz zu schweigen von einer Berufsausbildung. Aber es sind auch ein paar sehr viel versprechende neue Mitarbeiter hinzugekommen, und die Kinder trauern regelrecht wenn einer ihrer engsten Betreuer (Cosmas) ein paar Tage nicht da ist. Nur, wirklich lieben tun die meisten Mitarbeiter die Kinder einfach nicht. Sie sind nur da wegen dem Gehalt, nicht weil die Kinder ihnen wichtig sind. Aber es gibt Ausnahmen. Und es ist auch erschreckend, wie sie Gudrun und Edi immer mal wieder versuchen ausnutzen und auszunehmen. Dies gilt übrigens für das ganze Dorf. Oder einfach machen was sie wollen, bzw. das nicht machen was sie nicht wollen.

Man braucht hier wirklich viel Geduld und Durchsetzungsvermögen!

Auch höre ich immer wieder mit Entsetzen, wie die Kinder in der Schule behandelt werden. Sie werden geschlagen oder müssen stundenlang knien, Hände überm Kopf. Selbst eine Anzeige ändert nichts daran. Und wenn es regnet sitzen sie im Nassen (Dach leckt). Außerdem haben sich vor allem die Grossen dramatisch verschlechtert. Grund scheint zu sein, dass die Lehrer oft alle drei Wochen wechseln und nicht erklären können. Daher werde ich Gudrun bei ihren neuesten Plänen, alle Kinder nach Diani auf eine bessere Schule zu schicken, unterstützen. Diani ist gute 20 Kilometer von Msambweni entfernt und das Problem ist eine sichere Transportmöglichkeit zu finden. Auch ist die Schule etwas teurer und es werden neue Schuluniformen und Schulbücher benötigt.

Mein schlimmstes Erlebnis war jedoch der Besuch bei Samuels Mutter im Krankenhaus. Kurz vor ihrem Tod. Es ist dort mehr als unhygienisch, und die Patienten die nicht von ihren Familien versorgt werden, müssen sehen wo sie bleiben. Wie kann man schwerkranke Menschen (es heißt 80% haben AIDS) so dahinvegetieren lassen? Wie können die reichen Länder da zuschauen? Zudem kann ich nicht verstehen, warum ein so großes Krankenhaus wie in Msambweni kein eigenes Ultraschallgerät hat und keine zuverlässigen HIV oder Typhustests machen kann. Die Patienten müssen hierzu bis nach Mombasa (60 Kilometer), wobei sich die meisten weder den Test, noch die Fahrt oder die Fähre leisten können. Und eventuell benötigte Medikamente noch viel weniger.

Ich bewundere Gudrun immer mehr. Frage mich woher sie die Kraft nimmt um dies alles durchzustehen und zu verarbeiten, und den Kindern ein so liebevolles Zuhause zu geben. Jeder Geburtstag wird gefeiert, Weihnachten und Ostern. Ein Freizeitprogramm wird zusammengestellt, und sie nimmt sich immer wieder die Zeit sich mit den Kindern zu unterhalten, zu spielen oder zu schmusen. Es sind einfach alle ihre Kinder! Und obwohl die kenianischen Behörden, und andere schlechte Menschen, Gudrun und Edi in den letzten Jahren viele Steine in den Weg gelegt haben und legen, haben sie bisher unheimlich viel erreicht. Im ursprünglichen Kinderdorf leben nun 24 Kinder und das zweite Kinderdorf steht kurz vor der Eröffnung. Und das obwohl immer mal wieder Baumaterial aus geht oder nur schwierig zu bekommen ist. Man muss in Kenia einfach viel Geduld haben. Egal ob mit Menschen, auf der Bank oder bei den Behörden. Kenianer denken einfach anders als wir und es dauert alles viel, viel länger als bei uns. Werde nie unsere Fahrt nach Nairobi vergessen. Gudruns Aufenthaltsgenehmigung (musste verlängert werden) konnte wir in letzter Minute noch bekommen, auf Neemas Ausreisegenehmigung zur Behandlung in Deutschland warten wir noch immer. Auch musste ich mich die letzten Jahre immer wieder fragen wie Menschen, Kenianer und Deutsche(!), die Gast- oder Hilfsbereitschaft von Gudrun und Edi ausnutzen können. Diese Herrschaften sollten sich mal an die Nase fassen und sich fragen  von wem sie da nehmen. Von den Kindern, was mich unheimlich wütend macht! In all den Jahren habe ich es nicht bereut, dieses Projekt unterstützt zu haben und hoffe, dass wir alle gemeinsam auch in den nächsten Jahren weitere Sponsoren und Paten dazu gewinnen können. Damit weitere Kinder aufgenommen werden können und die Zukunft aller Kinder gesichert werden kann. Vor kurzem wurde ich gefragt, wie lange die Kinder denn in Nice View bleiben. Ich habe geantwortet, dass Gudrun bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr offiziell für sie verantwortlich ist. Also das Sorgerecht hat. Die Kinder aber sicherlich so lange bleiben, bis sie sich selbst versorgen können und eine eigene Familie haben. Denn wo sollten sie denn hin? Manche haben ja überhaupt niemanden.

Danke Ihnen für Ihr Interesse,

Heike Dreher

Bericht in PDF!