2008: Axel Brügemann berichtet über Nice-View !!!

Reise nach Nice View Erlebnisse in einem Waisenkinder-Dorf 11. Juni 2008 gegen sechs Uhr morgens, der Condor-Flieger setzt zur Landung in Mombasa an. Es regnet und was unter der Maschine vorbeizieht, sieht noch nicht sehr einladend aus.Der Flughafen, den wir wenig später betreten, auch nicht. Es…

Reise nach Nice View Erlebnisse in einem Waisenkinder-Dorf 11. Juni 2008 gegen sechs Uhr morgens, der Condor-Flieger setzt zur Landung in Mombasa an. Es regnet und was unter der Maschine vorbeizieht, sieht noch nicht sehr einladend aus.Der Flughafen, den wir wenig später betreten, auch nicht. Es ist halt Regenzeit. Dann aber ein Lichtblick: in der Menge winkt jemand mit einem Schild. Ich sehe meinen Namen darauf und darunter den meines Ziels: Nice View. Ich bin nicht nach Kenia gekommen, um am Strand zu liegen oder auf Safari zu gehen. Ich möchte im Nice View Children’s Village in Msambweni ein Video drehen und damit für das Waisenkinder-Dorf um Unterstützung werben. Ich winke zurück und gehe auf den Taxifahrer zu. Gudrun Dürr, Mama Gudrun von Nice View, hat ihn mir geschickt. Neben ihm steht ein anderer Kenianer, der mein Gepäck auf einen Wagen hievt und diesen die zehn Meter zum Taxi schiebt. Wahrscheinlich lebt eine große Familie von den Schillingen, die er von den ankommenden Reisenden als Trinkgeld erhält. Ich habe nur Euromünzen in der Tasche und gebe sie ihm. Wenig später erfahre ich,dass er sich dafür sehr viel wird kaufen können, und bin’s zufrieden. Es geht mit der Fähre hinüber zum Festland und dann im Kriechtempo durch die Vororte von Mombasa. „Close your window!“ ruft mir der Taxifahrer zu, verriegelt die Türen seines Autos und deutet auf die vielen Kenianer die neben uns herlaufen. Er hat Sorge, dass jemand ins Auto greift und meine Sachen herausreißt. Das Taxi fährt Slalom um tiefe Schlaglöcher. Die Straße sieht aus, wie nach einem Bombenangriff. Was am Fenster vorbeizieht, ist ein Treiben von bunt gekleideten Menschen, Holzkarren, Kühen, Ziegen und Scharen von Matatus, den Sammeltaxen Kenias. Viele Händler versuchen am Straßenrand ein kleines Geschäft zu machen, ein paar Schillinge zu verdienen, die helfen über den Tag zu kommen. All das wirkt nicht hektisch, fast gemächlich. Das ist Lebensart an der Südküste Kenias. Wir lassen Likoni hinter uns und fahren durch eine Landschaft mit Lehmhütten zwischen Maisfeldern, Mangobäumen und Palmen. Dann geht es durch die größte Kokosnuss-Plantage Afrikas und wir ereichen die Kleinstadt Ukunda. Hier zweigt die Straße nach Diani ab, einem bekannten Touristenzentrum dieser Region. Wir aber fahren weiter gerade aus nach Msambweni, einem großflächigen Dorf an dessen Rand das Nice View-Village liegt. Das letzte Stück Wegs ist eine Lehmpiste, die jetzt in der Regenzeit aus riesigen Pfützen besteht. Das Taxi kämpft sich durch die Wasserfluten, passiert ein steinernes Hinweisschild mit der Aufschrift Nice View Children’s Village, biegt links ab und steht nach wenigen Metern vor einem breiten Tor, der Einfahrt ins Waisenkinder-Dorf. Ein junger Kenianer läuft auf uns zu und öffnet die Torflügel. Das Taxi fährt auf ein Gelände mit größeren und kleineren Häusern und Bandas. Sie stehen unter alten Bäumen und sind umgeben von blühenden Sträuchern. Das Kinderdorf liegt auf einer Klippe zwanzig Meter über der Küste des indischen Ozeans.Ich bin angekommen - im Südosten Kenias, unweit der Grenze nach Tansania. Das Rauschen der Wellen wird mich jetzt zwei Wochen permanent begleiten und der Wind vom Meer wird durch das offen gestaltete Gästezimmer wehen, in dem ich untergebracht bin. Dann kommt sie den Weg herunter, Gudrun Dürr, neben ihr ein kleiner schwarzer Junge. Sie ist Ende Vierzig, dunkelhaarig, gut aussehend und energisch. Wir kennen uns bisher nur per eMail und SMS. Wir begrüßen uns neugierig. Gudrun lebt seit zehn Jahren in Msambweni und hat aus dem Nichts dieses Kinderdorf aufgebaut. Sie führt mich zur großen Banda, deren Außenmauer in die senkrecht abfallende Klippe übergeht. Von hier hat man einen grandiosen Blick auf Küste und Strand. Ich schaue mich in der Banda um. Sie ist eine große offene Halle. Auf starken Stämmen ruht ein kunstvoll geflochtenes mit riedähnlichem Material gedecktes Dach. Alle Dächer sind hier so und geben den Gebäuden das afrikanische Flair. Shedrack, seit acht Jahren eine der guten Seelen und Koch des Kinderdorfs, serviert uns Kaffee und Kekse. Gudrun und ich beginnen ein lebhaftes Gespräch. Schnell zeigt sich aber, dass es besser ist, im Dorf herum zu laufen, um all das anzuschauen, was sie mir erzählt. Ich sehe die Unterkünfte der Kleinkinder und der älteren Jungen und Mädchen, den Küchenkomplex, die blitzsauberen sanitären Anlagen, das Büro, eine Schneiderwerkstadt, in der Kuasha gerade kleine Hosen für die Kinder näht. Dahinter liegt ein überdachter Platz, auf dem zwei Mechaniker ein Fahrzeug reparieren. Wir grüßen den Gärtner, der die ganze Anlage sauber hält und die Beete bepflanzt. Und dann stehen wir wieder vor dem Garagenhaus, in dessen oberem Stockwerk die drei Gästezimmer liegen. Gäste, die sich ein Bild von Nice View machen wollen, sind hier immer willkommen. Gudrun kann so zeigen, dass jede Art von Hilfe für das Kinderdorf mit großer Nachhaltigkeit eingesetzt wird. Ob Patenschaften, Sach- oder Geldspenden, hier fließt alles in den Unterhalt des Dorfes und die Betreuung, Schul- und Ausbildung der Waisenkinder, die bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr im Nice View-Village aufwachsen. Gudrun lässt mir Zeit mich einzurichten und ein wenig Schlaf nach zu holen. Frankfurt – Mombasa ist ein Nachtflug. Motorengeräusch und das Rufen und Singen von Kindern weckt mich. Ich trete auf die Veranda vor der Tür meines Zimmers. Es ist vier Uhr nachmittags. Eine Schar von Kindern strömt aus einem Landrover. Wie passen so viele Kinder in einen Landrover, frage ich mich. Die älteren haben wohl oben auf dem Dach gesessen; sie werfen nun Shedrack die Schulranzen zu, die ebenfalls auf dem Dachgepäckträger verstaut waren. Ich weiß inzwischen Bescheid: die Kinderschar kommt aus Nice View 2, dem Kindergarten und der Schule, die Gudrun eigenständig aufgebaut hat und betreibt. Ich greife meine Kamera und steige die Treppe herunter. Zwei Kleinkinder entdecken mich, rennen auf mich zu, umklammern meine Beine und schauen lachend zu mir auf. Prima, denke ich, zwei weitere Bewohner von Nice View haben mich schon akzeptiert. Vierundzwanzig Kinder leben zurzeit im Village, vierzig könnten es in Zukunft sein. Zwei Wochen werde ich hier sein, um ihr Leben kennen zu lernen. Zwei Wochen werde ich die Kamera schwingen, aber eines spüre ich schon jetzt: Nice View und Umgebung bieten mehr Stoff als mein Video wird fassen können. Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen für die Dreharbeiten. Schon um sechs Uhr fahren die Kinder der 6., 7. und 8. Klasse in die Primary-School nach Diani; diesen Unterricht kann Gudrun Dürr vorerst noch nicht selbst anbieten. Sie steht erst in Verhandlungen mit neuen Lehrern. Eine Stunde später stürmen die kleineren Kinder den Nice View-Van und es geht zu einem weiteren Schultag nach Nice View 2. Kindergarten und Schule bis zur fünften Klassen sind zwei von Gudruns neueren Projekten. Zwei Kindergärtnerinnen und ein Lehrer unterrichten zurzeit noch im kürzlich errichteten Mädchen-Haus. Der Umzug in den Schul-Neubau steht aber kurz bevor. Der neue Bau wird soviel Platz haben, dass auch andere Kinder aus dem Dorf Msambweni Unterricht bekommen können, die sich Schule finanziell nicht leisten können. Gute Gründe haben Gudrun veranlasst, mit der Schule eigene Wege zu gehen. Sie hält nicht viel von Marschieren, Fahne hissen, Nationalhymne singen und Prügelstrafe; an vielen Kenianischen Schulen ist dies noch Usus. Auch den Unterricht hält sie für zu lang. Er dauert von morgens sieben bis abends neunzehn Uhr. Hausaufgaben beschäftigen die Kinder häufig noch bis in den späten Abend. Kinder müssen auch Zeit zum Spielen haben, sagt Gudrun und setzt dies in ihrer eigenen Schule um. Ich erhalte eine Drehgenehmigung für die Schule in Diani. Schulgeld erlaubt hier kleinere Klassen und vielfältigeren Unterricht, aber Gudruns Kritik in anderen Punkten finde ich bestätigt. Am vierten Tag meines Aufenthalts wandere ich durch Msambweni. Schmale Trampelpfade führen von Lehmhütte zu Lehmhütte. Kleine Felder, Mango-Bäume und Bananestauden versorgen die Menschen mit dem notwendigsten. Was übrig bleibt, versuchen die Mütter zu verkaufen. Kinder, die nicht zur Schule gehen können, schauen scheu aus den Fenstern der Hütten. Ich erreiche einen Platz mit winzigen Läden in bunten Bretterbuden. Männer sitzen in kleinen Bandas, diskutieren über Politik, die katastrophale Lage in Kenia und tauschen aus,wo vielleicht Arbeit zu finden ist. Ein Mann kommt auf mich zu. Er hat hier etwas zu sagen, das sehe ich ihm an. Was ich vorhabe, fragt er mich und schaut auf meine Kamera. Ich erzähle von meinem Nice View-Video und was ich damit machen will. Seine Mine hellt sich auf und er gibt mir die Hand. Ich habe die Drehgenehmigung für den Dorfplatz von Msambweni. Am nächsten Tag begleite ich Gudrun und Saidi, ihren Buchhalter, nach Mombasa. Im Büro von Ogot & Assocates geben wir die Unterlagen für die Buchprüfung ab. Erst nach der Vorprüfung in Mombasa dürfen sie nach Nairobi zur endgültigen Untersuchung. An Bürokratie mangelt es in Kenia nicht. Als wir zum Wagen zurückkehren, warten Straßenkinder auf dem Parkplatz. Das ist normal, meint Gudrun. Irgendwann kommen die Besitzer der Autos zurück und die Straßenkinder betteln. Ein Mädchen schnüffelt an der Klebstoff-Flasche; sie wirkt leicht benommen. Dass Gudrun und Saidi mit der Gruppe sprechen wollen, stößt nicht auf große Gegenliebe. Beharrlich versucht Saidi trotzdem zu erfahren, wo sie schlafen, ob sie von der Mombasa-Mafia ausgenutzt werden, ob sie noch Eltern haben und schon einmal sozial betreut wurden. Gudrun gibt dem jüngsten der Gruppe eine gute Chance für ein anderes Leben. Sie hat Erfahrung damit; Kahindi in Nice View war auch einmal ein Straßenkind. Saidi nimmt sich vor, bei einem weiteren Besuch in Mombasa der Sache weiter nach zu gehen. Die nächsten Tage runden mein Bild von Nice View ab. So fahre ich mit Gudrun durch den Busch zu einem weiteren Projekt. Workshop nennt sich die respektable Schreinerei. Mit in Deutschland gespendeten Maschinen werden zurzeit Möbel für die neue Schule gefertigt. Auch externe Aufträge sind in Arbeit, deren Gewinn dem Kinderdorf zufließt. Schwarze Zahlen werden angestrebt, aber Gudruns Intention ist eine andere: nach Abschluss seiner Weiterbildung wird es dem Leiter der Schreinerei erlaubt sein, Lehrlinge aufzunehmen und auszubilden.Es ist Freitagabend und mein zehnter Tag in Msambweni. Gudruns zehnjähriger Sohn, in Kenia aufgewachsen, ein kleiner Wildfang, wird mit anderen Kindern zur Nice View-Farm gebracht. Dort verbringt er regelnäßig seine Wochenenden mit Fischen und anderen kindlichen Abenteuern. Per Allrad geht es durch den Busch zu einem großen Gelände an einem romantischen See. Wie alle anderen Grundstücke und die meisten Bauten darauf hat die Familie Dürr auch das Farmgelände mit eigenen Mitteln privat erworben. Hier arbeitet Gudrun an zwei Projekten. In einer Baumschule wächst begehrtes Holz für Dachstühle von Häusern heran - eine weitere zukünftige Quelle für die Finanzierung von Nice View Children’s Village. Ein anderer Teil des Geländes wird zum Anbau von Gemüse verwendet. Die Selbstversorgung soll in Zukunft die Kosten für Lebensmittel in NiceView senken. Auch in Kenia explodieren die Lebensmittelpreise. Ein angestellter Kenianer bewacht das Grundstück und bewirtschaftet die Farm. Gudrun versteht sich auch als Arbeitgeber in einer von Arbeitslosigkeit geprägten Region. Die Kombination von Entgeld, Unterkunft, Verpflegung und anderen Sachleistungen halten die Kosten dafür niedrig. Die Mitarbeiter sind zufrieden und für Kenianische Verhältnisse motiviert. Und Gudrun hat weitere Pläne: wenn die Kinder in Nice View aus ihrer Vormundschaft herauswachsen, hofft sie mit dem Aufbau kleiner Geschäfte wie Bäckerei oder Schneiderei gleich für Arbeit sorgen zu können. Ein Teil der Erträge könnte wieder Nice View zufließen. An den folgenden Tagen begleite ich wie bisher mit der Kamera den Alltag von Nice View: Einkäufe, Behördengänge, Planungen, Mitarbeiterdiskussionen und vor allem das Leben der Kinder im Dorf und das Lernen in Kindergarten und Schule. Die Kinder, die vielfach ausgesetzt wurden und in schlechtem Zustand nach Nice View kamen, sind heute gesund,strebsam und fröhlich. Und sie fühlen sich sichtlich wohl im Nice View Children’s Village. Und dann ist mein letzter Abend gekommen. Heute war es warm und trocken. Die kleinen Kinder spielen noch im riesigen Sandareal, die großen machen ihre Hausaufgaben. Dann wird die Kinder-Banda geschmückt; Joshua hat heute Geburtstag. Die Mamas Anne, Pauline, Jane und Cosmas, ein weiterer Betreuer, bereiten die Feier vor. Bemalt und schick gekleidet sitzt Joshua schließlich im Halbrund der anderen Kinder und der Erwachsenen. Mit Leidenschaft und großer Ausdauer werden Geburtstaglieder gesungen. Die Augen in den schwarzen Gesichtern der Kinder glänzen vor Freude. Joshua plündert geschäftig den Geschenkekorb. Er wird heute drei, und unter Ratschlägen der Mamas gelingt es ihm, die drei Kerzen auf dem Kuchen auszupusten.Dass auch ich bald im Mittelpunkt stehen werde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dass etwas Besonderes in Vorbereitung ist, zeigt aber lautes Möbelrücken auf der Terrasse hinter der Banda und intensives Arbeiten in der Küche. Wenig später steht ein Spitzen-Buffet auf den Mäuerchen von Banda und Terrasse. Und als alle satt sind, zeigen die Kinder ihre Talente in Schauspiel und Gesang. In einem der Lieder komme ich vor und im Rahmen einer kleinen Tanzaufführung wird mir ein Abschiedsgeschenk überreicht, eine Kollage von Nice View mit den Fotos der Kinder. Das geschieht herzlich und ich bin gerührt. Dann schließt sich ein Ring um mich und ein Tanz beginnt. Mich hält es nicht mehr auf dem Stuhl; ich reihe mich ein und tanze mit. Der Abend klingt aus. Gudrun zeigt auf den Mond, die hier eine andere Sichel hat als bei uns. Er steigt gerade rot aus dem Meer. Im Dach der Banda raschelt es und dann kreischt ein Buschbaby. Die Kinder sind im Bett oder machen noch Hausaufgaben. Shedrack serviert uns einen Kaffee. Gudrun und ich lassen die letzten vierzehn Tage noch einmal Revue passieren Pünktlich 5:15 Uhr steht am nächsten Morgen der Taxifahrer vor dem Nice View-Tor und auch Condor startet einige Stunden später flugplanmäßig. Als letztes Highlight dieser Afrika- Reise zieht zum Greifen nah der Gipfel des Kilimandscharo am Fenster vorbei; wuchtig ragt er aus den Wolken. Jetzt sehe ich mit eigenen Augen, wie wenig Schnee er noch hat.

Axel Brügemann

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